Loading...
Leseprobe: Mitternachtsfarben – Im Reich der Dunkelheit 2018-11-23T20:13:58+00:00

1. Manchmal rennt man nicht schnell genug, das Chaos findet einen trotzdem

Montag, halb zehn, wo bleibt mein Knoppers? Anscheinend hat das Schicksal kein Mitleid mit mir, denn ich sitze nicht nur in der langweiligsten Kunstunterrichtsstunde, die die Menschheit je gesehen hat, sondern habe auch keinen Kaffee, geschweige denn ein Knoppers. Deswegen starre ich missmutig auf mein altersschwaches Smartphone, das ich hinter meinem Mäppchen versteckt habe, und lese Spiegel-Online-Artikel.
Ein Raunen durchdringt die Reihen und ich hebe meinen Blick, sehe verwirrt zu Mia, beste Freundin Nummer eins, die neben mir sitzt. Ihr wasserstoffblondes Haar hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden und mit der Nerdbrille und der weißen Bluse wirkt sie wie die Referendarin aus einem schlechten Porno. Nicht, dass ich wüsste, wie so eine aussieht …
»Was ist los?«, flüstere ich und sperre mein Handy, um es in meine Tasche gleiten zu lassen.
Mia verkneift sich ein Lachen und deutet mit dem Kopf auf Herrn Degen, unseren Kunst- und Sportlehrer. Wahrscheinlich versucht sie, gewissenhaft wie immer, jeden kleinsten Kommentar, der über die Lippen des Lehrers kommt, zu notieren. Zu meinem Glück, da ich mir angewöhnt habe, ihre Notizen später zu kopieren. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen. Aber dem Degen kann ich beim besten Willen nicht folgen.
Meine Mitschüler kichern verhalten und ich wende mich der Tafel und dem Bild zu, das ein Projektor an die Wand wirft. Verblüfft ziehe ich eine Augenbrauen nach oben.
Okay … Ein nackter Jüngling mit Engelsflügeln erstrahlt in einer Großaufnahme und selbst da ist sein bestes Stück mikroskopisch klein. Ehrlich.
»Verstehen Sie, was ich meine?«, fragt der Degen in diesem Moment und zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. »Caravaggio schafft es, mit seiner Maltechnik eine Plastizität hervorzurufen, die greifbar wirkt.«
Aha. So oder so ähnlich. Für mich ergibt das meiste, was er sagt, keinen Sinn. Ich sehe ein Bild, das war’s. Trotzdem habe ich Kunst als Leistungskurs und höre mir deswegen viermal die Woche an, wie ausdrucksstark dies ist und wie plastisch das.
Bullshit, wenn man mich fragt – was natürlich keiner macht. Wieso ich trotzdem diesen Kurs gewählt habe? Erstens, weil Mia Kunst liebt und ich so die Hälfte des Unterrichts neben ihr verbringe, und zweitens, weil ich gern zeichne und gut darin bin.
»Das müssen Sie spüren, oder?«, meint der Degen und mir ist unklar, worauf er hinauswill. »Die sexuelle Aufgeladenheit in diesem Werk ist einmalig und sucht seinesgleichen.«
Ähm, wie bitte? Das kann er unmöglich ernst meinen. Erneut betrachte ich die Abbildung, sehe den jungen Mann und sein kleines bestes Stück, und suche nach der sexuellen Spannung, von der mein Lehrer spricht. Ich finde sie nicht.
»Schon etwas pervers, bei einem Fremden von etwas Sexuellem zu sprechen«, gebe ich an Mia gewandt zu bedenken. Ihren glitzernden Augen entnehme ich leider, dass sie genau versteht, was der Degen von sich gibt, und ihm zustimmt. Trotzdem kichert sie, verkneift es sich aber, als sie einen mahnenden Blick von unserem Lehrer erntet. Mia ist Degens Musterschülerin, ihre Meinung ist ihm enorm wichtig, was lächerlich ist, immerhin ist er die Lehrkraft.
Ich ziehe mein Handy aus der Tasche, blende den Unterricht aus und checke Twitter. Keine neuen Beiträge von 5Minutes – meiner absoluten, All-time-für-immer-und-ewig-Lieblingsband. Dass ich deswegen oft belächelt werde, ist mir egal. Wenn jemand meine Liebe zu Musik und Boybands kindisch findet, packe ich mein verbales Hackebeil aus. Das ist meine Sache, jeder sollte lieben können, was oder wen er will. Punkt.
Unruhe in der Klasse lässt mich erneut aufsehen. Weiterhin springt mir der Mikropenis nahezu entgegen. Ich seufze und versuche, mich zumindest ein bisschen auf den Unterricht zu konzentrieren.
»Fühlen Sie es? Die Pinselführung … lassen Sie die Gefühle zu, es ist beinahe … ja, man könnte sagen, man erlebt einen Orgasmus beim Betrachten«, erklärt unser Lehrer. Ich verschlucke mich an meiner Spucke und ziehe die komplette Aufmerksamkeit auf mich. Gelächter wird laut und alle schauen zu mir.
Mist.
»Herr Degen, entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht bei Ihrem Orgasmus stören«, sage ich, als ich wieder Luft bekomme und das Husten vorbei ist. »Ich war einfach überrascht und habe es selbst so sehr gefühlt … es hat mich überrumpelt. Diese Malweise …«, rede ich mich aus der Scheiße und höre, wie das Gekicher lauter wird. Der Degen merkt davon zum Glück nichts, nickt nur zustimmend und fährt mit seinem Vortrag fort. Puh.
»Juli!«, lacht Mia und ich drehe meinen Kopf zu ihr. »Das war knapp.«
»Ja … und das Schlimmste: Er erwartet wirklich, dass wir ihm zuhören, obwohl er so einen Scheiß von sich gibt. Ehrlich, ich will nie wieder hören, wie einer meiner Lehrer über Sex spricht. Mir bluten die Ohren und die Augen und das Herz – alles! Schreib Bloody Juli auf meinen Grabstein. Und jedes Mal, wenn ein Lehrer dreimal hintereinander einen Orgasmus bekommt, erscheine ich und lasse ihm das Geschlechtsteil ausbluten.«
Mia kichert und hält sich eine Hand vor den Mund. Gott sei Dank klingelt in dem Moment die Glocke und erlöst mich von dem Gebrabbel meines Lehrers. In Windeseile packe ich Kunstbuch und Block sowie mein Mäppchen in meinen Rucksack und springe auf. Ich fühle mich besudelt und wünsche, ich könnte duschen. Vielleicht hilft ein Kaffee? Einen Versuch ist es wert, denn jede Situation wird durch das schwarze Allheilmittel besser.
»Mensa?«, fragt Mia, als hätte sie meine Gedanken gelesen und ich nicke.
Bella und Nils gesellen sich zu uns. Somit ist unsere Clique komplett – na ja, fast. Normalerweise würde jetzt Mauro zu uns stoßen, der keinen Kunstunterricht hat, doch seit wir uns getrennt haben, meidet er mich und die anderen. Das ist der Grund, wieso man nie etwas mit seinem besten Freund anfangen sollte – es geht nie gut. Dabei sind wir friedlich auseinandergegangen. Ich liebe ihn, aber mehr wie einen Bruder. Leider habe ich das zu spät festgestellt.
»Was zur Hölle war das bitte?«, meint Nils und ich brauche einen Moment, um seine Worte zuordnen zu können. Er spricht vom Unterricht, nicht von meinen Gedanken. Alles andere wäre echt gruselig gewesen.
Ich verdrehe die Augen. »Keine Ahnung, ich hab rein gar nichts gefühlt. Nicht bei diesem Mikropenis.«
Nils lacht und fährt sich durch sein blondes Haar, das wie immer perfekt gestylt ist. Manchmal ziehen wir ihn damit auf.
»Mikropenis«, kichert Bella und ihre Grübchen werden sichtbar. »Das lassen wir den Degen besser nicht hören.«
Ich gehe zielstrebig auf die Klassenzimmertür zu. »Besser ist das.«
Meine Chucks quietschen auf dem Linoleumboden und ich checke noch mal mein Smartphone.
»Wie viele Tage sind es bis zum Konzert?« Mia deutet auf mein Smartphone. Manchmal frage ich mich, ob sie mich besser kennt, als ich es tue.
»Ich wollte …«, beginne ich.
»… nicht auf Twitter? Das wäre glatt gelogen, Juli«, unterbricht sie mich und ich schaue ertappt zu Boden, während wir in den Innenhof treten und direkt auf die Mensa zusteuern.
Lügen ist sinnlos, Mia kennt die Antwort. »Anfang August«, gestehe ich. »Lediglich ein Monat. Ich kann’s kaum glauben.« Dann ist es soweit, ich werde 5Minutes zum ersten Mal live sehen, in Köln. Meine Aufregung steigt allein bei dem Gedanken daran in Sphären, die jenseits von Gut und Böse sind.
Trotzdem lasse ich das Handy sinken, sonst denken meine Freunde noch, ich sei ein Stalker. Derart schlimm ist die Liebe für die Band keineswegs. Ich mag die Musik der britischen Band und die Mitglieder, sie versüßen mir meinen öden Alltag und lenken mich von dem Chaos mit Mauro ab.
»Kaffee«, seufze ich, als wir endlich vor dem Automaten stehen. Hintereinander werfen wir je einen Euro in den dafür vorgesehenen Schlitz und nehmen unsere Pappbecher entgegen. Sofort trinke ich einen Schluck und verbrenne mir prompt die Zunge. Na ja, heißt es nicht, was man liebt, das verletzt einen?
Wir setzen uns an einen Tisch und Bella schnaubt gequält. Ihr rotblondes Haar hängt ihr ins Gesicht und sie versucht, es mit einem Zopfgummi zu bändigen. Klappt nur semioptimal.
»Was habt ihr am Wochenende vor?«, fragt Nils.
»Die Exkursion, habt ihr die vergessen?«, meldet Mia sich zu Wort und ich wende mich ihr zu.
Entsetzt ziehe ich meine Augenbrauen hoch. »Welche Exkursion?«
Bella kichert und mir entgleiten die Gesichtszüge.
»Wir fahren in die Staatsgalerie«, informiert sie mich und ich erinnere mich endlich wieder.
»Mist, das hab ich verdrängt«, gestehe ich und nehme einen großen Schluck von meinem Kaffee. »Aber nur am Samstag, oder?«
Mia schüttelt den Kopf und ich schnaube genervt. Schule am Samstag und Sonntag, ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen. »Wir übernachten doch in der Jugendherberge. Ganz ehrlich, wenn dein Kopf nicht angewachsen wäre, würde er in deinem Chaos verloren gehen.«
»Zum Glück hat Gott mitgedacht und keine losen Körperteile erschaffen«, gebe ich zurück und zwinkere ihr zu.
Die Glocke klingelt erneut. Das bedeutet, dass die 15-Minuten-Pause vorbei ist. Schwerfällig erhebe ich mich und schlurfe den anderen hinterher zur nächsten Stunde. Meine Lust strebt gegen Minus-Unendlich und ich kann mir tausend Dinge vorstellen, die ich lieber täte, als die folgende Mathestunde hinter mich zu bringen. Frau Fischer hasst mich. Keine Ahnung, was ich ihr getan habe. Allerdings mag sie keinen ihrer Schüler und vielleicht übertreibe ich ein wenig.
»Juli?«, murmelt Mia und reißt mich damit aus meinen Gedanken.
Ich schaue auf. »Mh?«
»Wollen wir am Freitag einen Mädelsabend machen?«
Meine Augenbrauen wandern verblüfft in die Höhe. »Nur wir?« Mist, das klang zu fröhlich. Seit Mia mit Sasa zusammen ist, verbringen wir weniger Zeit miteinander. Sasa kann mich nicht leiden. So gar nicht. Nicht mal ein bisschen und das macht sich bemerkbar, wenn wir uns in einem Raum befinden. Ich habe versucht, nett zu ihr zu sein, und ich sehe, dass Mia glücklich ist. Aber es ist gemein und macht mich wütend, wenn Sasa mich immer wieder von der Seite anschnauzt. Ohne Grund. Und dieses Mal übertreibe ich kein bisschen.
»Ja«, bestätigt Mia und ich verkneife mir das fette Grinsen, das sich auf meine Lippen legen will. »Ich sorge für Pizza, du suchst die Filme aus? Meine Eltern sind bei Freunden und übernachten dort.«
»Das klingt perfekt«, meine ich und lasse die Andeutung eines Lächelns zu.